Es wurde Licht
Quelle: Süddeutsche Zeitung 28.11.2002
Elf Regisseure mit jeweils elf Minuten zum 11.September
Die Intentionen waren plausibel. Die
meisten der elf Regisseure aus elf Ländern wollten mit ihren Fiktionen
genau das, was die Live-Fernsehbilder vom Einsturz des World Trade Center
nicht leisten konnten: Die Terroranschläge sollten nicht als Schlag
aus heiterem Himmel erscheinen, sondern in einen globalen Kontext gerückt
werden. Also kein "vertikales" Erzählen, das noch einmal
den Sturz der Türme wiederholt, sondern ein "horizontales",
das den Blick auf die Welt weitet. Dennoch wurde "11'09"01"
ein eher zwiespältiger Film, weil kaum eine seiner elf Episoden den
fatalen Kreislauf von Aufrechnen und Entgegenhalten zu durchbrechen versucht.
Zu fließend und unscharf bleiben die Grenzen zwischen Erklärung
und Apologie.
Die Sorge, die Vorgabe - jeder Beitrag musste mit 11 Minuten, 9 Sekunden
und einem Einzelbild auskommen - könnte zu einem gnadenlos mechanisch
ablaufenden Ergebnis führen, war unberechtigt. Im Gegenteil: die
im Kino erlebte Zeit wird so subjektiv wahrgenommen, dass die Episoden
unterschiedlich lang wirken. Das geheime Leitmotiv fast aller Regisseure,
der Hinweis auf die Opfer in oder aus dem eigenen Land, verbunden meist
mit Querverweisen auf Verantwortung und Schuld der USA, erweckt fast den
Eindruck eines starren Systems.
Der israelische Regisseur Amos Gitai berichtet von einem Sprengstoffanschlag
in Tel Aviv; der ägyptische Filmemacher Youssef Chahine lässt
einen bei Beirut gefallenen G. I. und einen toten palästinensischen
Selbstmord-Attentäter auftreten; die Iranerin Samira Makhmalbaf erzählt
von einer Lehrerin, die im Iran afghanische Flüchtlingskinder unterrichtet
und Angst hat vor amerikanischen Bomben; im Beitrag des Bosniers Danis
Tanovic demonstrieren Frauen und trauern um die Toten von Srebrenica;
der Brite Ken Loach erinnert an den 11. September 1973 und den vom CIA
unterstützten Putsch gegen Allende; bei der Inderin Mira Nair verdächtigt
das FBI einen jungen pakistanischen Einwanderer des Terrorismus, bis sich
erweist, dass dieser im WTC den Heldentod starb.
Islamische Fundamentalisten oder die al-Qaida kommen hier nicht vor. Einmal
tritt Osama bin Laden auf, im Beitrag von Idrissa Ouedraogo aus Burkina
Faso - ein Schauspieler. Dennoch gehört diese Arbeit zu den Ausnahmen
in diesem Mosaik, weil sie nicht pathetisch, sondern satirisch die eigene
Welt in den Mittelpunkt stellt: Notleidende Kids von Ouagadougou haben
nicht nur den Steckbrief, sondern den leibhaftigen bin Laden gesehen und
wollen sich die Belohnung verdienen, um das Geld sinnvoller auszugeben
als die Erwachsenen es tun. Das Double sieht so echt aus, als hätte
sich der leibhaftige bin Laden den Spaß geleistet, die Rolle selbst
zu übernehmen.
Es bedarf keines großen Mutes, außerhalb der USA nach deren
Schuld am Zustand der Welt zu fragen und auf das eigene Leid zu verweisen.
Nur einem einzigen Regisseur gelingt es, diesen Zirkel der Motive zu durchbrechen.
Sean Penns hintergründiger und keineswegs patriotischer Film wirkt,
als würde endlich einer eine Tür aufstoßen und ins Freie
vordringen: Hell wird es im Zimmer eines einsamen Witwers, wenn die Türme
zusammensinken, die der Sonne im Weg standen. Sogar die kümmerlichen
Rosen des alten Mannes fangen zu blühen an. "Die Frage",
sagt Sean Penn, "ist doch immer, wie man mit dem Heute seinen Frieden
schließen und glauben kann, dass es morgen besser sein könnte."
H. G. PFLAUM
